Gemeinsam Stellung beziehen

Liebe Freundinnen und Freunde des lokalen Stadgärtnerns – wahrscheinlich haben der eine oder die andere durch die Medien mitbekommen, dass der Bunker an der Feldstraße in direkter Nachbarschaft zum Karoviertel um die Hälfte seiner Höhe aufgestockt werden soll. Der Neubau wird überzogen mit einem „Stadtgarten“, der ein „Anwohnerprojekt“ sein soll.

Zu diesen Plänen und vor allem ihrer Selbstdarstellung als urban gardening und als Anwohnerprojekt haben die langjährigen Stadtgärten Gartendeck, KEBAP und Keimzelle nun eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht:

Eine Stellungnahme von Keimzelle, KEBAP, Gartendeck

Am 16. Oktober wurde zur Vorstellung eines grünen Stadtteilprojektes in die Hanseplatte geladen: “Ein großer Stadtgarten mitten in St. Pauli”, unterzeichnet mit “Hilldegarden”. Hinter der Initiative verbirgt sich die Agentur Interpol, die den bestehenden Bunker in ein mehrstöckiges Großprojekt, samt imposanter Dachbegrünung, erweitern möchte. Die suggerierte Nähe zu den bestehenden Gemeinschaftsgärten nehmen Keimzelle, KEBAP und Gartendeck zum Anlass einer Stellungnahme.

Die Keimzelle fragt sich: Kann das sein?
Die Keimzelle fordert seit 2011 ein „GrünAreal“ auf dem Gelände der Rindermarkthalle, in unmittelbarer Sichtweite des nun vorgestellten Großprojektes. Die jahrelangen Bemühungen wurden vom Bezirk mit dem knappen Kommentar abgewatscht: nicht genehmigungsfähig und ansonsten Schweigen.

Und dann plötzlich aus dem Nichts, wie ein Ufo, ist alles da. Weit oben. Nichts von unten. Nun fehlt nur noch, dass die fertigen Pläne vom Volk abgesegnet werden. Ab jetzt dürfen wir mitmachen und die gewünschte Bespielung übernehmen. Ist das Anwohnerbeteiligung? Ist das urban gardening für Alle? Der Bezirk findet diese neoliberale Privatinvestorenlösung prima. Denn städtische Flächen zur Verfügung zu stellen, etwa für das seit Jahren geforderte GrünAreal auf dem Gelände der Rindermarkthalle, sieht sich die Politik nicht in der Lage.

KEBAP schaut hinter die Kulissen
Das Kulturenergiebunker-Projekt KEBAP entwickelt seit 2011 mit den Anwohnern eine kulturelle und energetisch innovative Neunutzung des Bunkers in Altona Nord und kämpft auf behördlichen und politischen Ebenen um Anerkennung und Unterstützung. Auch ein Dachgarten für Anwohner_innen gehört zu dem Projekt, das von Anfang an seine Pläne zur Diskussion stellte und das Gärtnern auf ebener Erde am Bunker schon jetzt betreibt.

Werbeagenten, Großpächter und Architekt haben geschützt vor der störenden Öffentlichkeit heimlich einen Masterplan samt Initiative entworfen und dann die Marketingmaschine gefüttert. Das Projekt “Hilldegarden” betreibt eine Entsolidarisierung mit bestehenden Initiativen – statt Gesprächen gab es Geheimhaltung, statt Austausch wird nur versucht auf die wertvolle Akzeptanz der bestehenden Anwohner*innen-Projekte und den Trend des urban gardening aufzuspringen. KEBAP spricht sich gegen Versuche der Vereinnahmung aus und fordert mehr Transparenz.

Das Gartendeck hört die Politik schon applaudieren
Das Gartendeck St. Pauli hat eine lange leerstehende Brache in einen lebendigen Gemeinschaftsgarten verwandelt. Seit nunmehr vier Jahren wird in der Großen Freiheit praktiziert, was 2016 auf dem Bunker neu entstehen soll. Das Projekt setzt sich zur Zeit vor dem Hintergrund einer “nachhaltigen Verdichtung” für die dauerhafte Nutzung des Geländes im Herzen von St. Pauli ein.

Wir stehen den vorgestellten Bauplänen für den Bunkerbau kritisch gegenüber, weil wir befürchten, dass sich das Großprojekt negativ auf die Unterstützung, vor allem seitens der Politik, für ehrenamtlich und gemeinnützig agierende Initiativen aus dem Stadtteil auswirken könnte. Wir wollen nicht mit der Aussage konfrontiert werden: “Auf dem Bunker entsteht ein spannendes Projekt – beteiligt Euch doch da!” Eine privatwirtschaftliche Initiative darf keine Alternative für offene, nicht kommerzielle Freiräume sein.

Summa Summarum:
Alle hier beschriebenen Urban Gardening Projekte zeichnen sich durch Teilhabe, freiwilliges Engagement und den Aspekt der Öffentlichkeit aus. Gärtnern bedeutet für uns, keine fertige Vision zu enthüllen; die Gärten dienen vielmehr als Experimentierfelder für sozialen, kulturellen und nachbarschaftlichen Austausch.
Zwar ist ein Ausbau von Grünflächen auf St. Pauli vor dem Hintergrund einer seit Jahren anhaltenden Nahverdichtung zu begrüßen, jedoch verurteilen wir die marketingtechnisch gewitzte Präsentation des Großvorhabens, das sich in unseren Augen mit fremden Federn schmückt. Die vorgestellten Bunker-Pläne sollten daher in erster Linie als Bau- und nicht als Freiraumprojekt bewertet werden.

Die geplante Bunkergroßbaustelle beschert uns eine grüne Aufwertungsspirale. Gerade deswegen wäre eine stadtpolitische Unterstützung der Anwohnerinitiativen nötig.

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2 Antworten auf Gemeinsam Stellung beziehen

  1. Kurt Müller-Fleischer sagt:

    Mannomann/Frauofrau,
    es ist schon manchmal sehr seltsam, was die selbst ernannten Robin Hoods (Keimzelle, Kebap etc.) des öffentlichen Raums so von sich geben.
    Da wird unter dem Deckmäntelchen der sozialen Selbstbestimmtheit und mit kruden Verschwörungstheorien die Handbremse der Verbitterung gezogen und alles blockiert, was ihre selbstgefälligen und ach so unkommerziellen, wirren Ideale bedroht.
    Da hat wohl jemand noch eine Rechnung offen, weil sein eigenes Projekt von der Stadt abgelehnt wurde.
    Ich hoffe das Bunkerprojekt wird umgesetzt, weil es einfach eine schöne Idee ist und das hässliche Gebäude aufwerten würde.
    Wem die kommerziellen Aspekte des Projekts nicht gefallen, der soll sich halt gemeinsam mit seinen frustrierten urban gardening Kollegen und den Radieschensamen in die Erde einbuddeln lassen und warten, bis alles vorbei ist.

    Beste Grüße

  2. S. Gutjahr sagt:

    Liebe durch pflanzliche Entwicklung Begeisterungsfähige,

    wer dreht sich gerade unter seinen Radieschen herum: Herr Schreber und Herr Tutenberg, genossenschaftliche Wohnungsbauer und Subsistenzwirtschaftlerinnen in ihren Hinterhöfen und in meiner Vermutung auch die Prinzessin vom Berliner Moritzplatz.
    Wo bleiben Euer Humor und die Dialogfähigkeit und als kleines memorandum: Das Gartendeck wurde auch mit befristeten Teilzeitstellen als Prestigeprojekt für die Eröffnungveranstaltung des Kampnagel Summerfestivals zu Gemeinwohl initiert und anfinanziert (und die haben mich vorher nicht gefragt!)

    So habt ihr`s jetzt von Hamburg in die Süddeutsche geschafft und der Artikel titelt: Da könnte ja jeder gärtnern! Genau! Dafür gibts viele Orte an denen es blüht, samenfliegt, gedeiht, zum feiern und wann anders zum Rückzug einlädt.

    In der Permakulturszene hat sich das dragondreaming etabiert: TRÄUMEN – PLANEN – MACHEN – FEIERN

    Herzliche Grüße aus dem sechsten Garten meines Lebens, der mich einlädt zu verstehen, was die wirklichen Fragen über Leben und Tod sind …
    S. Gutjahr

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