Bunker-Aufbau oder doch Alternativen?

Mit der gemeinsamen Stellung von der Keimzelle, dem Gartendeck und Kebap kam der Stein ins Rollen: Statt den Ausbau des Flagbunkers an der Feldstraße wie geplant durchzuziehen, sehen sich die Planer plötzlich einer Reihe kritischer Fragen ausgesetzt. Zunächst schien das mediale Showdown, das sich das „Planungsbüro Bunker“ zur Akzeptanzbeschaffung ausgedacht hatten, wie am Schnürchen zu laufen. Von vielen, die wenig wussten, gab es Applaus für die Idee, auf dem Dach des St. Pauli-Bunkers fünf weitere Stockwerke aufzutürmen und mit einem Gründach zu ummänteln, das den klingenden Namen „Hilldegarden“ bekam. Doch braucht es an dieser Stelle wirklich noch mehr kommerziell nutzbare Räume — Musikklubs und Filmstudios, einen 1100 qm großen „Kultursaal“ und ein Hotel für 100 Gäste, das natürlich nicht „Hotel“, sondern Künstlergästehaus heißt, damit es etwas kultureller und weniger kommerziell klingt? Wer will hier eine weitere Elbphilharmonie-Architektur?

Denkmal oder Eventisierung?

Fest steht, dass eine 20 Meter hohe Aufbaute Hamburgs bekanntesten Luftschutzbunker als Kriegsmahnmal vergessen macht. Jedenfalls setzen sich die aktuellen Bebauungspläne nicht mit dem ehemaligen, von Zwangsarbeiter*innen errichteten Kriegsbauwerk als einer markanten Gedenkstätte der Stadtgeschichte auseinander. Eher im Gegenteil. Die geplante Umgestaltung würde die Geschichtsvergessenheit durch die Rundum-Rampe und eine oberflächliche Begrünung des Gebäudes mit Sicherheit verstärken.

Akzeptanzbeschaffung

Wie also beschaffen sich die Planer die notwendige Akzeptanz für ihr Vorhaben, dass sie seit über einem Jahr planen und in Politik und Verwaltung unter Ausschluss einer öffentlichen Debatte positionieren? Wie wollen sie die Bewohner der benachbarten Viertel überzeugen? Diesen kniffligen, aber bezahlten Job hat die Crew übernommen, die sich „Hilldegarden“ nennt und teilweise selber aus Anwohnern rekrutiert. Deren Botschaft: Von Anwohnern für Anwohner. Der Sprecher dieser Gruppe ist freilich Mathias Müller-Using – Geschäftsführer der Agentur Interpol Studios. Die wiederum entwickelt und lanciert das Bunker-Projekt in ihrem auf Architektur spezialisierten Geschäftsbereich MetaPol. Bei MetaPol arbeiten nun die beiden Architekten des Bunkerprojekts, die ihrerseits zur „Anwohnergruppe“ Hilldegarden gehören, die wiederum einen Design-Absolventen der Hamburger Kunsthochschule namens Tobias Boeing als Koordinatoren engagiert haben – auch Anwohner – versteht sich. Ihre Idee: Das Ganze unter dem Decknamen „Stadtgarten als Anwohner- und Beteiligungsprojekt“ lancieren — unter dem Motto: ‘Wir setzen endlich eure Wünsche um.’ Wohlwissend, dass einige Viertel-Initiativen sich seit Jahren für das Zustandekommen eines Stadtteilgartens in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bunker engagieren: Nämlich auf den Außenflächen der inzwischen sanierten und neu vermieteten Rindermarkthalle; außerdem hatten sich die Initiativen für eine demokratische Beteiligung am stadtpolitischen Entscheidungsprozess eingesetzt, wie die Halle in Zukunft zum Wohle aller am besten genutzt werden soll. Das Ergebnis dieser öffentlichen langjährigen Auseinandersetzung ist bekannt: Statt des gewünschten GrünAreals für die Anwohner und statt eines Beteiligungsverfahrens für die Planung der Alten Rindermarkthalle, das übliche Geschäft: Parkplätze und eine Top-down-Entscheidung für ein überdimensioniertes Einkaufszentrum.

Bunker-Ufo

Kurz nach der Eröffnung der Supermärkte in der Rindermarkthalle taucht also dann plötzlich am 16. Oktober 2014 dieses sagenhafte Bunker-Ufo auf — zusammen mit schönen Masterplänen für einen „Stadtgarten“ und ein „Beteiligungsprojekt“. Ein medial inszeniertes Miniatur-Modell zeigt eine kolossale Aufbaute, hübsch grün durch allerlei „Urban Gardening“. Urban Gardening — eigentlich ein Urbanismus von unten — wünschen sich inzwischen wohl auch Stadtplaner und Architekten — von oben — für den urbanen Raum der Zukunft. Indes bleiben sämtliche Aussagen zu den für die öffentliche Nutzung gedachten Grünflächen im Ungefähren. Mal ist von Urban Gardening die Rede, mal von einem Park zur Erholung, mal geht es um einen 5800 Quadratmeter großen Stadtpark (Hamburger Abendblatt „Dach des Feldstraßen-Bunkers wird zum Stadtgarten“, 17.10.2014), mal um 1400 qm „Dachgarten“ und dann wieder um 1800 qm Fläche für „immergrüne Pflanzen“.

Große Skepsis

Der kleine Schönheitsfehler an diesem Ufo-Masterplan: Als die Hilldegarden-Truppe ihr Überraschungsei nach monatelanger Geheimhaltung auspackt und dem Stadtteil zu „Beteiligung“ präsentiert, schlägt ihnen zur eigenen Überraschung reichlich Skepsis entgegen. Einer der Architekten rechtfertigt den mehrgeschossigen Aufbau mit der skurrilen Begründung, dass die teure Konstruktion einer öffentlichen Zuwegung zum Dach mit den vermieteten, neu zu bauenden Räumen gegenfinanziert werden müsste. Als ob die lukrativen Dachetagen mit einer Gesamtfläche von ca 9000 qm nur gebaut würde, damit das Karoviertel endlich seinen Stadtteilgarten bekommt.

Machtspiele der Stadtpolitik

Doch die Gartenthematik ist nur ein Element in dieser Enthüllungsgeschichte und zwar, wie sich zeigt, das nebensächlichste. In der Süddeutschen Zeitung wurde die Keimzelle mit den Worten zitiert, die Hamburger Politik habe den existierenden Urban Gardening Initiativen bislang die notwendige Unterstützung verweigert („Da kann ja jeder gärtnern“, SZ vom 17.11.2014). Dem ist an dieser Stelle und angesichts der aktuellen Ereignisse hinzufügen, dass es bei der geplanten Bunkerbebauung um weitreichendere Machtspiele der Stadtpolitik geht. So ist der eigentliche Skandal gar nicht einmal die skrupellose Instrumentalisierung des Anwohner-Engagements seitens der Projektentwickler. Was die Geschichte auflädt, ist die Tatsache, dass hinter der schönen Fassade von Architekturmodellen und Beteiligungsfloskeln das weniger schmucke Profitinteresse eines Großinvestors steckt.

Der 6 Millionen Deal

Denn nach und nach kommt heraus: Im Hintergrund agiert das Kapital. Man erfährt, dass es einen privaten Eigentümer gibt, der den markanten St. Pauli-Bunker von der Stadt gepachtet hat. Dieser Deal wurde schon vor 20 Jahren besiegelt. Damals entschied sich der Hamburger Senat dafür, Herrn Dr. Thomas Matzen eine großzügige Gewinnmarge einzuräumen. Für lediglich 6 Millionen D-Mark erhielt der Investor mit einem Pachtvertrag über 60 Jahren das Recht, den Kriegsbunker zu nutzen. Die kommerzielle Vermietung der ausgebauten Räumlichkeiten haben ihm längst ein zigfache Rendite eingebracht.

Kulturbehörde verschenkt noch mehr Geld

Stellt sich die Frage, ob solche Entscheidungen, städtisches Eigentum für billig abzugeben, im Interesse der Allgemeinheit sein können? Hoffen wir, dass die Stadt Hamburg sich in Zukunft anders entscheiden wird. Doch vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Kulturbehörde den bestehenden Erbpachtvertrag auf insgesamt 99 Jahre verlängern will – und das für Herrn Matzen völlig entgeltfrei und möglichst schnell. Warum nur auf 2,56 Millionen Entgeld verzichten – eine Summe, die ohnehin lächerlich gering ist, angesichts der anzunehmenden Einnahmen durch die neu gewonnene Mietfläche auf dem Bunker? Simpel gerechnet: Einer Investition von 25 Millionen Euro für 9500 qm zusätzliche Flächen stehen bis zum Jahr 2092 Mieteinnahmen von 50 Mio. Euro gegenüber. Hinzukommen die zusätzlichen Gewinne aus der weiteren Vermietung des Bestandes. Gibt es irgendeinen einigermaßen plausiblen Grund, einem Investor Geld zu schenken?

Und was sagt die Kulturbehörde? Die Begründung ist ebenso absurd wie bemerkenswert. Weil der Investor die Absicht habe, sein Eigentum mit öffentlich zugänglichen Grünflächen auszustatten — oder zu dekorieren, honoriert die Stadt diese geschickte Vermarktungsstrategie großzügig. (siehe „Spinat für die Stadt“, DIE ZEIT vom 27.11.2014)

Das Spiel geht nicht auf

Doch es könnte sein, dass die so großartig eingefädelte PR-Kampagne des Großinvestors und seiner Planer am Ende nicht aufgeht. Denn inzwischen wird selbst in der SPD Widerspruch laut. Der Stadtentwicklungsexperte Dirk Kienscherf ließ über das Hamburger Abendblatt wissen („Bunker-Umbau: Streit um Millionen-Deal von Kulturbehörde“, 28.11.2014), dass man wenig von dem Zeitdruck halte, mit der diese Causa noch rechtzeitig vor der Wahl durchgedrückt werden solle. Außerdem seien mehr Informationen zu den Details erforderlich. — Tatsächlich geht aus den verfügbaren Bauplänen nicht im Ansatz die genaue Größe und Nutzungsmöglichkeit der „Gründach“-Flächen hervor, die die Stadt Hamburg mit 2,56 Millionen subventionieren will. Inzwischen regen sich auch in der Kulturbehörde Zweifel: Die Senatsdruckssache werde noch einmal geprüft, ist zu erfahren (St. Pauli Blog „Der Deal hinter dem Bunker-Dachgarten“, 2.12.14). Gut so.

Oder doch einen Stadtteilgarten fördern?

Immerhin lässt die jüngste Auseinandersetzung um St.Paulis Bunker eine bemerkenswerte Schlußfolgerung zu: Obgleich aus unfreiwilligen Anlass, signalisiert die Stadt mit ihrem Vorgehen dennoch die Bereitschaft, die Realisierung eines öffentlich genutzten Stadtteilgartens im Karoviertel endlich politisch und finanziell fördern zu wollen. Und damit es nicht heißt, die Anwohner-Initiativen wäre immer nur gegen etwas, kann „Keimzelle goes GrünAreal“ hier gerne zwei Alternativen vorschlagen:

Alternative 1 „Ganz oben“:
Ohne mehrgeschossiger Aufbaute und mit Unterstützung der offenbar gründachförderwilligen Kulturbehörde entsteht auf dem Flachdach des Bunkers ein öffentlicher Stadtteilgarten. Der Bunker bleibt dadurch als Kriegsmahnmal in seiner ursprünglichen Form und Ansicht erhalten. Als Teil des Stadtteilgartens wird eine Dauerausstellung zur Geschichte des Bunkers entwickelt und installiert. Im Stadtteilgarten findet darüber hinaus ein langfristiger Beteiligungsprozess für die Planung der endgültigen Nutzung der ehemaligen Rindermarkthalle statt.

Alternative 2 „Von unten“:
Es entsteht ein öffentlicher Stadtteilgarten zwischen dem Bunker und der Rindermarkthalle. Etwa durch eine kleine Verlegung des Recyclinghofs, von seiner derzeitigen unverschatteten, süd-seitigen Fläche hinter dem Eingang zur U-Bahn Feldstraße auf das momentan leerstehende, nord-seitige Grundstück vor dem Bunker (vormals Tankstelle). Dann gäbe es einen Stadtteilgarten, der Bunker behielte seine Würde und das alles bliebe ohne weitere Eventisierung/Gentrifizierung des Viertels.

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